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2017 09 05 friwi1 klDie Geschichte der Stolberger Familie Witte ist bester Romanstoff. Sie erzählt von Träumen, die zu Realität werden, von Ängsten, die am Ende ganze Lebenswerke ruinieren und von einer unverhofften Wende, die das Happy End bringt, Sie erzählt von Schweiß und Tränen ebenso wie von Erfolgshunger, Hartnäckigkeit, von Enttäuschungen und Freude, von Hinterhältigkeit und Genugtuung. Bei Wittes findet sich das alles in einem Zeitraffer von nicht einmal 100 Jahren. Gebannt höre ich Nadja Witte zu, die eigentlich ganz andere Pläne hatte, als die Familientradition als Konditorin fortzuführen. Als Nadja vor der Berufsentscheidung steht, ist das Familienunternehmen längst ein VEB und nichts, dem sie ihr Leben widmen will. Also studiert Nadja Witte Biologie und schlägt einen ganz anderen Weg ein als der Urgroßvater Friedrich-Wilhelm Witte (1868-1938). Denn mit ihm hatte alles begonnen...

2017 09 05 friwi2historisch klEr eröffnete 1891 in der Niedergasse 21 in Stolberg eine Bäckerei mit kleiner Konditorei. Als Witte für seine Hausspezialität – den „Stolberger Sanitätszwieback“ auf einer Lebensmittelmesse eine Goldmedaille erhielt, explodierte die Nachfrage. Aus der kleinen Dorfbäckerei wurde durch wachsende Absatzmärkte in den umliegenden Hotels und beim Militär ein florierendes Kleinunternehmen. Wittes jüngster Sohn Georg (1902-1938) organisiert 1924 bis 1926 die erneute Erweiterung der Bäckerei auf einem ererbten Grundstück. Große Ofenanlage, eigene Strom- und Gasversorgung ermöglichen die Belieferung des gesamten mitteldeutschen Raums. Dauerbackwaren von „FriWi“ aus Stolberg werden zum Begriff. Zwei Jahre vor seinem Tod heiratet Georg Witte seine Ella, die sich ab 1938 als alleinerziehende Witwe um die drei Kinder und die Großbäckerei zu kümmern hat. Nach dem Krieg heiratet sie erneut. Mit Eduard Heger kommt ein Mann ins Haus, dem die Firma ebenso am Herzen liegt wie die Witwe. Doch auch der jüngste Sohn von Georg und Ella Witte Ludwig Witte mischte ab 1959 mit; machte seinen Meister als Konditor und arbeitet als Produktionsleiter und Lehrausbilder bis 1979 im Familienunternehmen. Denn nach der Zwangsenteignung 1972 durch die DDR werden die Konflikte zwischen Ludwig Witte und dem in Backfragen unbedarften Parteisekretär immer größer. 1979 sind sie so unüberbrückbar, dass der letzte Witte bei „FriWi“ kündigt und sich fortan als Kleinunternehmen mit Pferdefuhrwerken und Urlauberbespaßung durchschlägt.
Dann die Wende. Ein Glücksfall für Familien wie Wittes.

2017 09 05 friwi3nadjawitte klGleich 1990 stellen Ludwig Witte und Tochter Nadja einen Antrag auf Reprivatisierung. Doch erst drei Jahre später ist es soweit. Nadja erinnert sich: „Besonders meine Großmutter hat der Verlust der Firma immer sehr geschmerzt. Diese Trauer wich jetzt purer Freude. Ich wusste, dass ich mich dem nicht entziehen kann. Also kündigte ich als Biologin und absolvierte eine zweite Ausbildung.“ Doch als die Treuhand 1993 FRIWI endlich freigibt, sind große Teile der Technik verhökert und die Keksproduktion fast zum Erliegen gekommen: „Die haben uns alle Steine für den Neuanfang in den Weg gelegt, den man legen konnte.“

Doch Wittes wären nicht Witte, wenn sie nicht zu kämpfen wüssten. Also krempeln sie die Ärmel hoch und erinnern sich an die erste Generation. Nadja Witte: „Wie 1891 begannen wir wieder mit einer kleinen Konditorei mit kleinem Café. Nur langsam kommt die Dauerbackwaren-Produktion wieder in Schwung.“ Doch dann geht es wieder los. Binnen eines Jahres verdoppelt sich die Produktion von 1997 zu 1998. Ende der 90er Jahre werden FRIWI-Produkte bei Edeka und Norma in der Region gelistet. Ein Onlineshop öffnet, der heute nicht nur bundesweit, sondern auch international Backwaren verschickt. 2017 09 05 friwi4werksverkauf klNadja Witte: „Wir haben Kunden aus Australien, China und den USA.“ Inzwischen ist ein Mitarbeiter ausschließlich mit dem Versand beschäftigt. Apropos Mitarbeiter: Heute hat FRIWI wieder 30 Kollegen in Produktion, Café und Fabrikverkauf im historischen Fachwerkhaus. 2016 wurde wegen der großen Nachfrage von Reisegruppen eine Schauproduktion eröffnet. Hier kann man hautnah sehen, wie die Printen und der Sultanzwieback und all die anderen leckeren Keks- und Gebäcksorten entstehen. Zwischen 800 und 1000 Kilogramm Backwaren kommen durchschnittlich jeden Tag aus den FRIWI-Öfen.

Eine tolle Geschichte, die uns zeigt, wie sich Hartnäckigkeit und Einsatz, Können und Tradition auszahlen. Ich habe übrigens selbst einen ganzen Beutel eingekauft und sie zu Hause mit dieser spannenden Geschichte serviert. Beides ist begeistert aufgenommen worden.