Katrin Budde im Gespräch mit Susanne Arlt und Ernst Rommeney für "Tacheles" auf Deutschlandradio Kultur

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Die SPD-Landesvorsitzende von Sachsen-Anhalt, Katrin Budde, schließt eine rot-rote Koalition unter Führung der Linken aus. Bei der Rente mit 67 plädiert sie für einen Mittelweg, in der Schuldebatte für ein gemeinsames Lernen bis zur 8. Klasse.

Deutschlandradio Kultur: Im März sind in Sachsen-Anhalt wieder Landtagswahlen. Wird die SPD den dritten Platz belegen, wie schon zuvor, hinter CDU und den Linken?

Katrin Budde: Na, das will ich doch nicht hoffen. Also, wir spekulieren schon darauf, dass wir den ersten Platz belegen können. Ich sage mal, in den letzten Wochen ist es wahrscheinlich auch einfacher geworden, als Sozialdemokratin in Sachsen-Anhalt das zu sagen. Ob wir das schaffen, wird ein stückweit auch an uns liegen, wie wir im nächsten halben Jahr uns in Position bringen.

Deutschlandradio Kultur: Müssten Sie nicht mehr Angst haben sagen zu müssen: hinter den Linken und dann der CDU und dann SPD?

Katrin Budde: Davor hatte ich eine ganze Weile Angst. Das gebe ich auch ehrlich zu. Das finde ich auch katastrophal, dass die Sozialdemokratie im Osten oftmals hinter den Linken liegt. Auch strukturell ist das eine Katastrophe finde ich. Aber zurzeit habe ich diese Angst nicht. Ein bisschen hat es auch etwas damit zu tun, wie sich die Linken selber verhalten. - Stichwort Bundespräsidentenwahl. Ich glaube, die haben einiges zu erklären, wie sie sich gegenüber der Bundesrepublik insgesamt zu verhalten gedenken.

Deutschlandradio Kultur: Glauben Sie, dass aber genau das Argument hier in Sachsen-Anhalt so viel gilt?

Katrin Budde: Nein, das muss nicht sein. Aber, na ja, es ist so ein Gesamtbild. Und ich glaube, dass die Linken auch entweder die Muskeln spielen lassen. Das hören wir ja hier in Sachsen-Anhalt sehr oft, wir sind die Ersten, wir sind die Größten, die Besten, die Stärksten, und sich selber Mut machen ein Stück, und auf der anderen Seite aber von dieser populistischen Aussagereihe nicht runterkommen. Also, sie sind nicht in der Lage, sich in die Realpolitik zu versetzen, was ihnen in Berlin oder in anderen Ländern, wo sie mitregieren, natürlich gelingt, aber hier eigentlich nicht.

Deutschlandradio Kultur: Haben Sie sich schon ganz festgelegt, ganz klar, und zwar ja, theoretisch mit den Linken ja, aber nicht, wenn die den Ministerpräsidenten stellen?

Katrin Budde: Ja, das ist wahr. Und das sehe ich auch weiter so.

Deutschlandradio Kultur: Warum?

Katrin Budde: Also, wenn die SPD so klein wird, dass sie nur noch unter die Flügelchen der Linken drunter kriechen kann, dann muss die SPD sich noch länger erholen in Sachsen-Anhalt. Also, es muss schon das Ziel sein, stärker zu werden als die Linken. Und erst, wenn wir das erreicht haben, können wir auch eine Koalition eingehen. Wenn wir so klein werden, dass wir da drunter verschwinden, dann würde ich persönlich es nicht wollen.

Deutschlandradio Kultur: Aber die Logik müssen Sie mir erklären. Sie fühlen sich also nur dann klein, wenn die Linkspartei sozusagen den Ministerpräsidenten stellt. Wenn die Linkspartei in einer Koalition einhergeht und Sie stellen den Ministerpräsidenten, dann fühlen Sie sich nicht klein, wobei Sie sich von den Prozentzahlen da ja nicht verändern würden? Ist das logisch?

Katrin Budde: Na, ich hoffe doch, dass sich auch die Prozentzahlen verändern. Also, man braucht schon ein paar Prozente Abstand zu den Linken, um sagen zu können, okay, man ist der größere Koalitionspartner. Und dann kann man auch eine rot-rote Koalition überlegen. Man muss sie auch überlegen, weil, wenn man sie nicht mit überlegt, dann hat man auch schon in den Koalitionsverhandlungen mit der CDU verloren. Ich meine, das ist ja ein taktisches Moment, was jeder kennt aus Koalitionsverhandlungen. Aber wenn wir tatsächlich im Osten als die schlechtere soziale Partei angesehen werden und so weit hinter den Linken liegen würden, dann würde ich dieses Experiment, einen Linken Ministerpräsidenten zu wählen, nicht eingehen, auch persönlich nicht.

Deutschlandradio Kultur: Ja, aber trotzdem ist es noch ein bisschen komisch. Denn inhaltlich sagen Sie ja: Für uns sind sowohl die Christdemokraten wie auch die Linken Koalitionspartner. Bei den einen akzeptieren wir den Ministerpräsidenten, bei den anderen nicht. Das ist der Unterschied. Aber wie soll der Wähler eigentlich da Ihr Profil erkennen, wenn Sie sowohl mit den einen und den anderen können, aber im Wahlkampf sagen, das sind unsere großen Konkurrenten?

Katrin Budde: Ja, das macht aber jede Partei so. Das könnten Sie jetzt die CDU fragen und die Linken fragen. Die sagen auch, mit dem könnten wir, mit dem könnten wir nicht. Also, Sozialdemokratie muss um ihrer selbst willen gewählt werden. Hört sich ein bisschen pathetisch an, aber ist auch so. Wenn wir nicht deshalb gewählt werden, weil die Menschen wieder glauben, dass wir auch eine vernünftige Politik machen und uns genau deshalb viele Prozente geben und viele Kreuze auf dem Wahlzettel, dann haben wir sowieso verloren. Also, über sozusagen Koalitionsaussagen eine Wahl gewinnen, halte ich für den falschen Weg. Wir müssen das selber schaffen.

Deutschlandradio Kultur: Also, dann sagen Sie mal, warum sollte ich Sie wählen. Sie sind seit 20 Jahren im Landtag, eine junge Sozialdemokratie fürwahr, aber Sie sind politikerfahren, seit 20 Jahren im Landtag, wirtschaftspolitische Sprecherin, Wirtschaftsministerin gewesen, derzeit Fraktionsvorsitzende im Landtag und noch dazu seit einem halben Jahr Landesvorsitzende. Für welches Profil stehen Sie?

Katrin Budde: Hört sich eher wie ein alter Hase an, wie junge Politikerin. Ja, für welches Profil stehe ich? Sicherlich ich persönlich immer für ein sehr linkes Profil, was sich vielleicht komisch anhört, wenn man den Schwerpunkt Wirtschaftspolitik hatte. Aber wenn man sich die Entwicklung des Landes anguckt, und das wird jetzt auch eigentlich immer klarer und man darf es auch wieder sagen und es wird auch wieder gehört, dann sind die entscheidenden Weichenstellungen ja zwischen, sagen wir mal, 94/ 95 und so bis Anfang 2002, vielleicht noch 2003 nachlaufend gemacht worden für das Land. Das sind auch die stabilen Faktoren, die das Land hat. Die Chemieindustrie, der Maschinenbau, Ernährungsindustrie, erneuerbare Energien, das sind alles Dinge, die angesiedelt und entwickelt wurden unter sozialdemokratischer Regierungspolitik. Also, wenn man so speziell fragt, warum soll man die SPD wählen, dann ist das einer der Gründe mit. Offensichtlich können wir es ja doch. Und das müssen heute auch viele zugeben.

Und das ist natürlich dann auch noch gepaart mit dem anderen Bereich. Wenn man sich Arbeitsmarktpolitik anguckt, Bildungspolitik, den ganzen Sozialbereich, ich glaube, da gibt's gute Argumente für uns.

Deutschlandradio Kultur: Da muss ich noch mal gleich zurückkommen auf das Thema eben. Da gibt's auch gute Argumente, mit der Linkspartei in eine Koalition zu gehen und nicht mit der CDU. Denn eigentlich, gerade bei den Themen, die Sie gerade angesprochen haben, bei der Bildung und auch beim Arbeitsmarkt ohne Lohndumping, einem gerechten Rentensystem, da liegen Sie ganz konform mit der Linkspartei, nicht mit der CDU.

Katrin Budde: Ja, da haben Sie recht. Das sind gute Argumente dafür, sich beide Koalitionen offen zu halten. Das tun wir auch.

Deutschlandradio Kultur: Aber wenn Sie so eine gute Wirtschaftspolitik gemacht haben, ist natürlich die Frage: Warum rennen Ihnen die jungen Leute weg?

Katrin Budde: Aus dem Land?

Deutschlandradio Kultur: Ja.

Katrin Budde: Ja, weil es nicht genug ist. Also, wir haben immer noch eine große strukturelle Lücke im Bereich der Industrie. Die ist natürlich nicht aufgefüllt worden. Da sind nur Ansätze da. Ich persönlich finde auch, dass da in den letzten Jahren die Wirtschaftspolitik nicht so günstig agiert hat. Es ist im Grunde immer nur das verstärkt worden, was da war. Es ist aber zum Beispiel im Solarbereich nicht da drauf gesetzt worden, dass bloß Platten, so, also noch ein Werk, noch ein Werk, noch ein Werk… Wir haben gesehen, was in der Wirtschaftskrise dann passiert. Die Entlassungen sind gekommen. Die Einbrüche sind gekommen. Andere Märkte haben die einfachen Produkte kopiert oder selbst gebaut. Und man hat einfach versäumt, das, was für mich immer wichtig war, über einen Forschungs- und Entwicklungsanteil da höherqualifizierte Produkte zum Beispiel in Sachsen-Anhalt herzustellen. Das ist ein Fehler. Das ist auch der Punkt, der mir sehr missfällt in der Entwicklung der Wirtschaftsstruktur hier. Und da sind die Defizite.

Und natürlich ganz klar das Stichwort Löhne. Da ist die Wirtschaft aber zum Teil auch selber dran Schuld. Die haben eine sehr hohe Arbeitsproduktivität, zum Teil höher als in anderen Teilen der Republik, weil es die neueren Werke sind, und zahlen trotzdem niedrigere Löhne. Das kann so auf Dauer nicht gehen. Wer gute Facharbeiter will, wer Ingenieurinnen, Ingenieure will, wer Wissenschaftler will, der muss ordentlich bezahlen.

Deutschlandradio Kultur: Aber es geht doch auch um Ihren wirtschaftspolitischen Stolz. Also, der Landespolitiker, auch vielleicht der Sozialdemokraten. Sie haben in den letzten 20 Jahren viel in Existenzgründung gesetzt und in Mittelstandsförderung. Wann fahren die noch mal, das Beispiel Nixdorf vor Augen, wann fahren die endlich aus der Garage und werden ein großer Betrieb oder ein Konzern?

Katrin Budde: Also, das werden nicht alle schaffen. Im Gegenteil, wir haben in manchen Bereichen sogar einen Rückgang. Also, in den ganzen Bereichen der Forschung und Entwicklung von Medikamenten, in der Medizin, da waren wir schon mal weiter. Da fehlen die ganzen Anschlussfinanzierungen, wenn man in die klinischen Tests geht - bundesweit. Aber wir haben eben in bestimmten Regionen hier auch darauf gesetzt. Da haben wir ein Problem. Bei manchen Unternehmen funktioniert das aber auch. Also, wir haben schon einen kleinen wachsenden industriellen Mittelstand aus Existenzgründungen oder kleinen Übernahmen von Treuhandbetrieben. Die reichen aber nicht aus. Also, was uns fehlt, sind so ne Global-Player, wie man so schön sagt. Wenn man guckt, von den 100 größten deutschen Unternehmen ist keins in Sachsen-Anhalt. Das heißt, wir haben kein Headquarter hier. Wir haben keine Entscheider hier. Das ist diese Strukturschwäche.

Und Mittelstandsförderung, ja, hat sich aber im Grunde immer in Investitionsförderung erschöpft. Und was eben nicht geklappt hat, ist das Thema Forschung und Entwicklung in diese mittelständischen Bereiche so reinzubringen, dass mehr leistbar ist, als die von selbst können. Das ist das große Problem. Ich glaube, dass sie nur damit wachsen können. Und das wird eine der Aufgaben der nächsten Jahre sein.

Deutschlandradio Kultur: Wobei jetzt die CDU ja genau schon diese Forschungsinstitute langsam anfängt zu installieren. Es gibt ja inzwischen drei dieser Forschungsinstitute. Aber was kann man eigentlich als Politiker machen, um diese großen Konzerne nach Sachsen-Anhalt zu bekommen?

Katrin Budde: Wenn ich nur noch mal sagen darf, mir geht's nicht um die Forschungsinstitute nur. Eine Institutslandschaft kriegt man hin. Mir geht es um die Produktforschung in den Unternehmen. Und da muss ich auch selber eingestehen, dass auch wir das nicht hinbekommen haben, als wir regiert haben, und dass es aber jetzt immer noch nicht gelungen ist, die Produktforschung in den Unternehmen zu stärken. Also, die Institute, das kriegt man hin. Da gibt es immer Programme, die kann man auch über die Universitäten mit stärken. Aber es fehlt die produktorientierte Einzelforschung, die dann nachher auch wieder Geld reinbringt, wenn das verkauft wird.

Deutschlandradio Kultur: Na ja, und wie kriegt man genau die hier hin? Denn wenn der große Konzern sozusagen hier nicht sein Headquarter hat, dann werden die Forschungsinstitute sich auch nicht entwickeln. Gibt's überhaupt für den Politiker eine Möglichkeit, die hier hinzulocken?

Katrin Budde: Nein, das glaube ich nicht, dass man diese großen Unternehmen dazu kriegt, hier herzugehen. Im Gegenteil, wir haben die Entwicklung zum Beispiel im Harz. Eine ganze Reihe der Automobilzulieferer, die früher noch gesellschaftergeleitet waren oder wo es noch überschaubare Unternehmen waren, die einen Chef hatten, mit denen man direkt noch verhandeln konnte, ich zum Beispiel, die sind jetzt in irgendwelchen Finanzinstituten aufgegangen. Also, darüber wird man es nicht mehr machen können.

Aber wenn man die Institute dazu kriegt, mit den mittelständischen Unternehmen, die noch eigentümergeführt sind, zusammenzuarbeiten oder eben diese Produktforschung in den eigentümergeführten Unternehmen zu befördern und da auch mal so kleine europäische Schwellen überspringen könnte, wie Markteinführungsprogramme - das darf man ja eigentlich nicht tun, völliger Schwachsinn, weil ohne solche Programme kriegen diese mittelständischen Unternehmen natürlich ihre Produkte nicht in den Markt. Also, das sind so Punkte, die muss man aufbrechen in den nächsten Jahren, jedenfalls im Bereich der Wirtschaftspolitik.

Deutschlandradio Kultur: Themenwechsel. Sie haben sich auch vorgenommen, die Schulpolitik zum Wahlkampfthema zu machen. Nach Hamburg wirklich so eine gute Idee?

Katrin Budde: Ja, ich orientiere mich ja nicht da dran, ob es irgendwo gescheitert ist oder nicht, sondern an unseren eigenen Überzeugungen. Schulpolitik ist ein sehr sensibles Thema, insbesondere im Osten, nicht nur in Hamburg, weil nach der Wende alles komplett umgekrempelt worden ist. Dann haben wir, als wir regiert haben, wieder etwas verändert, die CDU-FDP wieder. Es ist nie zum Stillstand gekommen.

Und trotzdem kann man ja nicht ignorieren, was in der überwiegenden Anzahl von wissenschaftlichen Studien auch gesagt wird. Die Kinder werden in den meisten Fällen zu früh getrennt - entweder in den Gymnasialzweig oder Realschul- oder Hauptschulzweig reinsortiert, in Schubladen gepackt. Und dann ist bloß noch ein Wechsel in niedrigere Abschlüsse möglich, kaum noch nach oben. Und das geht nicht. Also müssen wir eine Lösung finden.
Und die Lösung heißt: längeres gemeinsames Lernen. Hört sich so plakativ an. So werden wir es auch sagen im Wahlkampf. Aber wir werden auch, und da diskutieren wir jetzt wirklich schon Monate nach dem Bildungskonvent hier in Sachsen-Anhalt, wie man es umsetzen kann.

Deutschlandradio Kultur: Das war ein Allparteien-Konvent.

Katrin Budde: Das war ein Allparteienkonvent und der ist zu einem Ergebnis gekommen und hat auch empfohlen, neue Formen längeren gemeinsamen Lernens - neben vielen anderen Empfehlungen - zu etablieren. Das war eine heiße Diskussion bei uns in der Partei auch, weil unsere Bildungspolitiker natürlich sehr gern einen verpflichtenden Wechsel haben würden für die nächste Legislatur. Ich persönlich glaube, dass es nur auf freiwilliger Basis geht, weil, ein Schulsystem immer von oben zu verändern, ohne die Schüler und vor allen Dingen die Eltern mitzunehmen, das funktioniert nicht. Das ist ganz oft versucht worden.

Deutschlandradio Kultur: Also haben Sie aus Nordrhein-Westfalen gelernt.

Katrin Budde: Nein, ich würde eher sagen, wir haben positiv aus Schleswig-Holstein gelernt, weil das ist ein Modell, wo man sieht, dass es auf freiwilliger Basis ganz schnell angenommen wird, nachdem es dort ja die Möglichkeit gab, insbesondere auch in den ländlichen Regionen die Gemeinschaftsschule zu wählen als Schulträger, ist das ja angenommen worden von den Regionen. Und ich glaube, das wäre in Sachsen-Anhalt auch so. Die Menschen wollen nicht gezwungen werden, sie wollen das freiwillig machen.

Deutschlandradio Kultur: Der Konvent hat aber eigentlich auch ergeben, dass jede Partei trotz aller Empfehlungen bei ihrer Meinung von vor fünf Jahren geblieben ist. Also, die CDU präferiert immer noch das dreigliedrige Schulsystem. Sie haben ja mal gesagt, ich glaube, vor einem halben Jahr, dass das Thema Schule für Sie auch ein Thema ist, was durchaus bei den Koalitionsverhandlungen die größte Rolle mit spielen kann. Das würde ja eigentlich heißen, das war's dann mit der CDU, oder?

Katrin Budde: Ach, ich glaube, die CDU ist doch sehr flexibel, wenn sie regieren darf oder will. Also, das haben wir bisher immer erlebt. Und das kommt natürlich auch da drauf an, wie stark wir werden - da sind wir wieder bei dem Thema von vorhin - oder auch wie weit sich der gesellschaftliche Prozess schon entwickelt hat. Weil, ich setze schon da drauf, dass diejenigen, die im Bildungskonvent mit uns diskutiert haben, das auch weitertragen werden. Und das sind die Arbeitgeberverbände gewesen. Das sind die Kirchen gewesen. Die Kirchen machen es übrigens als freiwilliges Modell selber. Und bei meiner Nachfrage, warum sie das denn nicht auch den Kindern zugute kommen lassen wollen, die nicht an freien Schulen lernen können, sondern die an kommunalen Schulen lernen, da kam keine Antwort mehr. Ich glaube, das hat so ein bisschen auch den Weiterdenkensprozess angeregt, dass die gesagt haben, ja klar, was wir selber als richtig empfinden, warum sollen auch die anderen Bereiche nicht die Wahlmöglichkeit haben, also, die Schulen in kommunaler Trägerschaft.

Deutschlandradio Kultur: Aber warum haben die Christdemokraten nicht recht? Wenn die Christdemokraten sagen, es geht doch um die Lehrinhalte, um den Förderunterricht und nicht um die Schulstruktur, wir diskutieren zu viel über Sekundarschule, die Sie ja haben - Realschule und Hauptschule sitzen nebeneinander auf demselben Platz. Also, warum setzen die sich nicht zusammen, machen ein schönes Konzept für ihre Schüler, damit die Schulversager nicht mehr in der Schule versagen. Das wäre doch viel besser als nun wieder Umtüten, neu Eintüten, neue Schilder montieren und dergleichen mehr.

Katrin Budde: Also, es ist beides. Ich sag ja nicht, dass diejenigen Unrecht haben, die sagen, es muss etwas an den Schulinhalten und auch an der Art der Vermittlung im positiven Sinne verändert werden. Natürlich gehört das dazu, gar keine Frage. Aber bei uns sitzen ja zurzeit nicht wirklich Realschüler und Hauptschüler in der gleichen Klasse. Das ist ja nur über einen Erlass jetzt so ein bisschen durch die Hintertür eingeführt worden, sondern wir haben noch die klassische Hauptschule. Bis vor kurzem mussten die Klassen voll gemacht werden. - Keine Chance, hinterher irgendwo eine Ausbildung zu kriegen. Den so genannten "Teilfacharbeiter", den es zu DDR-Zeiten gab, gibt es jetzt nicht mehr. Die Qualifizierung nach der 9. Klasse ist einfach zu niedrig. Das heißt, wir müssen es schaffen, die Kinder besser zu qualifizieren in der Schule.

Und alle Erfahrungen sagen, dass sowohl das Sozialverhalten als auch das Lernverhalten sich positiv entwickelt, wenn Kinder nicht früh getrennt werden und wenn ihnen nicht schon früh Schranken auferlegt werden. Das gilt aber auch für die vielen, die an die Gymnasien - in Anführungsstrichen - gezwungen werden, zum Teil von den Eltern, weil die Angst haben, dass ihre Kinder eben untergehen an der Realschule oder, ganz schlimm, da ist eine soziale Entmischung, die dann auch da ist. Da wollen sie ihre Kinder nicht haben. Und dann werden die Kinder eben sozusagen in die gymnasiale Richtung gedrängt, obwohl die nach der 4. Klasse überhaupt noch nicht so weit sind oder vielleicht niemals so weit sind. Diese Fälle haben wir massiv ja auch.

Und das alles würde sich natürlich sehr viel besser machen, wenn man die Kinder länger zusammenlässt, wenn man guckt, wie sie sich wirklich entwickeln und wenn man auch später noch die Möglichkeit gibt, zum Abitur rüber zu gehen. Es gibt ja gute Modelle in den nordischen Ländern, wo das funktioniert. Ich will jetzt nicht sagen, "altes DDR-System", wobei ich selber damit gute Erfahrungen gemacht habe von der Struktur her, nicht von allen Inhalten, von den mathematischen schon, aber nicht von den anderen. Aber nicht ohne Grund ist das ja mal kopiert worden. Und das zeigt ja auch gute Entwicklungen. Die spätere Trennung scheint für die meisten Kinder das Beste zu sein.

Deutschlandradio Kultur: Ob jetzt 8., 9., 10. Klasse, SPD sagt 8., die Linken sagen 9., die Grünen sagen 10. Was ist denn nun das beste Modell?

Katrin Budde: Also, ich persönlich kann es Ihnen noch nicht sagen. Sicherlich ist das ein Thema, was bei den Koalitionsverhandlungen diskutiert werden muss. Für mich steht nur fest, auf jeden fall später als 4. Klasse. Es gibt verschiedene Modelle, die auch praktiziert werden - nach der 6., nach der 8. Klasse. Und für mich persönlich ist auch eine spätere Trennung als nach der 8. Klasse zu spät, muss ich sagen, also, auch aus der eigenen Erfahrung heraus. Ich bin zur 9. Klasse zum Gymnasium gegangen. Zwei Jahre später nach mir sind die Jugendlichen erst zur 11. Klasse zum Gymnasium gegangen. Das hat nicht funktioniert. Zwei Jahre sind zu kurz. Und darum würde ich persönlich immer für die Entscheidung nach der 8. Klasse plädieren, aber wichtig ist mir, dass es auf jeden Fall länger als die 4. Klasse ist. Und das ist wahrscheinlich dann nachher politische Diskussion und Ausverhandeln in Koalitionsverhandlungen.

Deutschlandradio Kultur: Bei Ihnen sicherlich in den Ortsvereinen ebenso wie auf Bundesebene entdecken derzeit die Sozialdemokraten ein Evergreen, nämlich die Rente mit 67. Warum eigentlich? Warum ist das Thema so schrecklich aktuell?

Katrin Budde: Ja. Weil kaum einer bis 65 arbeitet. Und wenn dann die Rente erst mit 67 anfängt, dann ist das natürlich irgendwie ein bisschen schizophren. Klar, die Gründe, die dazu geführt …

Deutschlandradio Kultur: Das wusste man doch eigentlich alles.

Katrin Budde: Selbstverständlich wusste man das, aber ich wollte gerade sagen, die Gründe, die dazu geführt haben, nämlich eine immer längere Rentenbezugsdauer, und im europäischen Umfeld arbeiten ja in fast allen Ländern zumindest theoretisch die Menschen schon länger als bei uns, die sind ja nicht falsch. Das ist ja richtig. Der Lebensbaum ist gekippt und man muss sich sicherlich andere Modelle jetzt überlegen als die, die noch für den Renteneintritt vor 10 Jahren oder so gültig waren. Rente mit 67, das ist halt so ein plakatives Thema, an dem sich viel entzündet: Also, eine Ungerechtigkeit, die empfunden wird, und eben auch eine Aussichtslosigkeit, überhaupt bis 67 arbeiten zu können.

Ich glaube, wenn ich die Zahlen richtig im Kopf habe, sind es nur gut 30 %, die überhaupt bis 60/ 65 arbeiten - Frau/ Mann, und dann wiederum bloß irgendwie 25 oder 26 %, die voll arbeiten. Das zeigt ja, dass die Chancen gar nicht da sind, bis 65 zu arbeiten. Und dann zu sagen, bis 67, da hätte die Ehrlichkeit schon vorher dazu gehört, dass das eine de facto Rentenkürzung ist.

Deutschlandradio Kultur: Fakt ist ja auch: Jeder 10. aus einer sozialversicherungspflichtigen Arbeit kann sich sozusagen mit dieser Rente auch über Wasser halten. Müsste man da nicht als SPD gerade darüber nachdenken, wie man für die anderen eher ein besseres System hinbekommt, dass man auch dann später im Rentenalter noch einen einigermaßen hohen Lebensstandard leben kann?

Katrin Budde: Das ist ja auch für mich persönlich genau das Problem, dass über das Eintrittsalter geredet wird, und da kann man für 67, für 65 sein. Herr Hüther ist ja für 70, oh Gott, ja, geht gar nicht. Aber das wirkliche Problem, nämlich, wie stelle ich eine angemessene Rente für alle sicher und welches System ist dafür geeignet, das auch langfristig zu tun bei einem gekippten Lebensbaum, dass das nicht geklärt ist.

Ich habe da auch nur ein paar Ideen, die gar nicht so unbekannt sind, dazu. Die will ich auch gerne nennen. Also, klar ist, wenn wir es irgendwie hinkriegen wollen, dann müssen zukünftig alle in die Rente einzahlen. Bisher zahlt ja nur ein bestimmter Teil der abhängig Beschäftigten ein. Das ganze Beamtensystem ist schwierig und auch andere, die nicht einzahlen müssen.

Deutschlandradio Kultur: Wollen Sie das Beamtensystem abschaffen?

Katrin Budde: Nicht sofort, aber in Sachsen-Anhalt ist das ja gar nicht so stark eingeführt worden. Wir haben ja immer gesagt, nur die wirklich elementaren Bereiche, wie Feuerwehr, Justiz, Polizei und ein paar Lehrer - nicht alle. Aber es kann ja auch, wenn das Beamtensystem bleibt, umgestellt werden. Und auch die können dann einzahlen in die Rentenversicherung. Das hat ja damit nichts zu tun.

Deutschlandradio Kultur: Aber ist nicht die Debatte letzten Endes politisch unklug? Denn, wie immer Sie argumentieren, das ist ja nachvollziehbar, Sie nehmen doch einfach Druck aus dem Thema raus. Es geht doch darum, einen Arbeitsmarkt für ältere Menschen zu schaffen, dass die noch Beschäftigung haben bis 65 und gefragt sind, vielleicht auch bis 67. Und wenn Sie jetzt quasi die Rente mit 67 geistig und intellektuell kippen, lehnen sich alle Arbeitgeber zurück und sagen, das Thema war's, das ist nicht mehr interessant.

Katrin Budde: Darum finde ich ja diesen Mittelweg, der vorgeschlagen ist, auch sehr vernünftig. Also, klar, man akzeptiert, dass normalerweise die Menschen länger arbeiten müssten. Aber das, was so Gabriel, da bin ich auch seiner Meinung, sagt, es darf nicht nur eine Rentenkürzung sein, sondern es muss auch die Chance dann da sein, bis 65 oder bis 67 zu arbeiten, dass das erst mal geklärt werden muss, das ist das erste Thema. Ich habe keine Lösung dafür. Das sage ich Ihnen ganz ehrlich. Das ist auch eins der großen gesellschaftlichen Probleme. Ich würde wahrscheinlich den Nobelpreis kriegen, wenn ich Ihnen das jetzt hier sofort lösen würde, und wäre die Headline, aber ich habe keine Lösung dafür. Aber es ist tatsächlich so. Wir müssen es hinkriegen, dass die Chancen überhaupt da sind, bis 65 oder 67 zu arbeiten. Und wir müssen ein vermutlich noch stärker steuerfinanziertes Rentensystem mit einer vernünftigen Grundrente haben für alle und mit Einzahlungen von allen. Und dann sind wir schon ein Stück weiter. Und dann können wir entscheiden, ob denn 65 oder 67. Ich würde es aussetzen zurzeit und würde erst das, was Sie auch angesprochen haben, lösen, weil, immer nur mit staatsfinanzierten Frührenten wird es auch nicht gehen.

Deutschlandradio Kultur: Jetzt lassen Sie uns noch mal ein bisschen unhöflich sein zum Ende. Sie sind Jahrgang 1965, in Magdeburg geboren, von Beruf Ingenieurin.

Katrin Budde: Diplom-Ingenieurin.

Deutschlandradio Kultur: Diplom-Ingenieurin, Entschuldigung, haben auch ein Jahr lang, glaube ich, Praxiserfahrung gesammelt, damals noch am SKL. Dann sind Sie aber ganz schnell in die Politik, seit 20 Jahren Vollblutpolitikerin. Sind Sie eigentlich jetzt im Vergleich zu den Herrschaften, die jetzt auch in Sachsen-Anhalt wahrscheinlich abtreten werden, sind Sie, gehören Sie einer anderen ostdeutschen Politikergeneration an? Und was zeichnet diese aus?

Katrin Budde: Also, ich hab ein bisschen mehr Praxiserfahrung. Ich gehöre zu der Generation Frauen, die in der DDR erst ein Jahr sich im Betrieb beweisen mussten, bevor sie ein technisches Studium aufnehmen durften. So was gab's nämlich auch. Und ja, wir haben eine andere Biographie. Das merkt man eigentlich erst jetzt, wenn man zurückguckt. Dann ist man nämlich schon so ein bisschen Dinosaurier, obwohl man im Westen erst der Nachwuchspolitiker wäre. Es ist schon komisch. Also, wir sind einfach Quereinsteiger, die 89 reingegangen sind und die damals sehr jung waren. Tja, wahrscheinlich sind wir eine andere Politikergeneration. Ich hoffe, dass das gut ist.

Deutschlandradio Kultur: Was ist denn anders an Ihnen? Sind Sie selbstbewusster, sind Sie weniger - ich sage mal das Klischee - Jammer-Ossi, Subventions-Ossi?

Katrin Budde: Ja, Jammer-Ossi kenne ich aus meinem Alter, muss ich sagen, kaum jemanden. Also, wir sind alle mit der Wende fertig geworden mit dem Studium - Jahr früher, Jahr später. Mein Freundeskreis, die sind alle irgendwo unter - bis nach Australien und sonst wo, aber auch hier in Magdeburg, also nicht nur alle weggegangen. Da gab's keine Jammer-Ossis bei. Die Generation, die es schwer hatte, waren, glaube ich, die Mittvierziger, die so 89/ 90 Mitte vierzig waren und die dann rausgefallen sind. Das kann ich von meiner Generation nicht sagen.

Deutschlandradio Kultur: Hat sich denn was am ostdeutschen Selbstbewusstsein verändert?

Katrin Budde: Ob sich am ostdeutschen Selbstbewusstsein was verändert hat, weiß ich nicht. Also, an meinem, ja. Wenn ich so am Anfang immer noch ehrfürchtig zugehört habe, auch denjenigen, die schon alte Politikhasen waren, dann habe ich sowohl in meinem Bereich der Arbeitswissenschaften im Job als auch nachher in der Politik doch gelernt, dass die meisten mit sehr dünnem Wasser kochen und dass wir da durchaus mithalten können.

Deutschlandradio Kultur: Aber eine Landesfürstin, die Herr Gabriel fürchten müsste, sind Sie nicht gerade?

Katrin Budde: Das würde ich Ihnen jetzt auch nicht verraten, wenn das so wäre.

Deutschlandradio Kultur: Frau Budde, wir danken für das Gespräch.

Katrin Budde: Gerne.